Palatinum Verlag - Eußerthal

 

Der Palatinum Verlag Eußerthal wurde im Jahr 2006 als neuer Autorenverlag gegründet und hat seinen Sitz in Landau in der Pfalz. Er hat sich zum Ziel gesetzt, solche Autoren editorisch zu fördern, deren belletristisches Oeuvre in der Pfalz angesiedelt ist oder die aber selbst der Pfalz entstammen.

Solches gilt beispielsweise für den pfälzischen Autor Dr. Manfred Croissant, dessen Schaffen daher auch die ersten Verlagsproduktionen gewidmet sind. Das verlegerische Augenmerk richtet sich dabei – so die Verlagsleiterin Brigitte Croissant – vor allem auf Neuentdeckungen in der regionalen Autorenszene und legt zugleich wert darauf, bildende Künstlerinnen und Künstler wie etwa den Eußerthaler Grafiker Peter Schlohmann als Illustratoren zu gewinnen.

Letzterer zeichnet zugleich für das Layout der Verlagsprodukte verantwortlich.

Aktuelles

WOLFSLAND, Elena Ahanotu

WOLFSLAND - Aurelias Rückkehr
Elena Ahanotu

Hamburg 2320. Im Schatten eines nuklearen Terrorschlags hat sich das HSSK an die Macht geputscht, eine Mauer trennt seitdem „die Unversehrten“ von den „Unheilbare“ Jedes Auflehnen gegen die bestehenden Verhältnisse gilt als terroristischer Akt, der hart bestraft wird. So bereitet sich der von Farold Baskus angeführte Widerstand im Untergrund auf die letzte große Schlacht, den Sturz der übermächtigen Militärregierung, vor. Von der anderen Seite aus wagt sich Aurelia, Unversehrte und Grenzschützerin des HSSK aus tiefer Überzeugung, weit in das Gebiet der Feinde vor. Doch im Innersten der Guerilla angekommen, beginnen die Ideen, auf deren Bekämpfung sie einst einen Eid geschworen hatte, auch von ihr Besitz zu ergreifen. Ihr Auftrag gerät außer Kontrolle.

Das Hammaburg Stadtschutzkommando, kurz das HSSK, war ein Bollwerk gegen den sich ausbreitenden Anarchismus. Haldor stand auf dem Balkon der HSSK-Zentrale, einem ehemaligen Konzerthaus am rechten Ufer der Norderelbe. Doch der Bürgerkrieg hatte Spuren hinterlassen. Übrig von dem einstigen Prunkstück war nur noch der Schatten des ehemaligen Prestige-baus, eines vergangenes Wahrzeichens einer längst nicht mehr existenten Ordnung. Den Unterbau bildete ein altes Speichergebäude aus rotem Ziegel, der Oberbau bestand aus einer Melange aus Glas, Stahl und Beton. Die Musik war längst verklungen. Aber sie würde wiederkehren. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Mauer und des „neuen Friedens“ würde der große Saal noch einmal seine wahre Bestimmung erfüllen und sich seines alten Glanzes erinnern. Beethovens 9. Sinfonie würde in diesem heruntergekommenen Prachtbau erklingen und die Wunden des Bürgerkrieges würden wieder ein kleines Stückchen heilen. Er, der Leiter des Grenzschutzes, würde neben General Hans Drechsler und dem Führungsstab der Regierung in der ersten Reihe sitzen. Man würde ihn als einen Bewahrer des Friedens ehren. Sicher, dieser Friede wurde mit Waffengewalt erzwungen, sie war sogar eine seiner tragenden Säulen, aber im Ergebnis war es immer noch ein Friede. Darauf kam es an. Der Preis des Friedens und der Sicherheit war hoch, aber er und alle Bewohner dieser Stadt waren bereit ihn zu zahlen.

In seiner Hand hielt Haldor ein schwarz-weißes Flugblatt, das auf den 14. Mai 2315 datierte. Es zeigte einen älteren Mann mit edlen, fast gütigen Gesichtszügen. Er war vielleicht Mitte 50, sehnig, ziemlich mager, aber kämpferisch. Er hatte einen kahl rasierten Schädel und einen langen Bart, der zu einem kleinen Zopf geflochten war. Er kam sehr menschlich daher. Aber er war kein Mensch. Nicht in seinen Augen. Selbst von diesem vergilbten Stück Papier aus schien er ihn zu verhöhnen und ihn zu provozieren.

Um seine Brust hing eine AK 47, die in einem unauflöslichen Gegensatz zu seinem gütigen Gesichtsausdruck stand. Unter dem Bild stand geschrieben: „Wo keine Gerechtigkeit ist, ist kein Raum für Freiheit, und wo keine Freiheit ist, wird niemals Gerechtigkeit herrschen. Alles allen!“ – Darunter befand sich ein rotes Siegel, in das das Schema eines Wolfskopfes hineingeprägt war.

Dieser Balkon, hier auf der westlichen Spitze der Elbinsel Grasbrook, kam ihm vor wie ein Logenplatz mit Aussicht auf den Weltuntergang. Er blickte auf die andere Seite der Elbe und sah die Containerstadt - dieses täglich wuchernde Ungetüm einer gesetzlosen Zone mit ihren überall auflodernden kleinen Feuerstellen in den Slums jenseits der Mauer, an den Ufern der Elbe. Angereichert um allerlei Unrat nahm der Fluss seinen trägen Lauf durch den Norden und passierte dabei auch das verseuchte Niemandsland, die nukleare Sperrzone, die etwa 16 Kilometer elbabwärts begann.

Auch Haldor waren die Geschichten über die Mythen und verborgenen Geheimnisse der Sperrzone nicht unbekannt. Wer konnte schon genau sagen, was sich im Schatten der Zivilisation unter der hohen Strahlenbelastung dort alles entwickelt hatte? Mit einem kalten Schauer erinnerte er sich an eine wissenschaftliche Aufklärungsexkursion vor 15 Jahren, der er damals als Wissenschaftsoffizier beigewohnt hatte. Die Vermessung der Strahlenschäden im Wald wurde für ihn und seinen Aufklärungstrupp zu einem Horror-trip. Sie entdeckten Spuren eines riesigen Wolfes, der dem Gang und Spurenmuster nach auf seinen Hinterbeinen gelaufen sein musste. Schnell verdrängte er den Gedanken wieder. Dieses Tier wurde weder jemals gesichtet, noch ließen sich weitere Beweise seiner Existenz finden. Allerdings hatte auch seitdem niemand mehr danach gesucht.

Er spürte, dass Aurelia noch da draußen war, dass sie lebte. Sie war in die Welt dort draußen abgetaucht, um ihn aufzuspüren, diesen falschen Messias, der mit seinen kämpfenden Guerrillas und seinen virulenten Ideen den gesamten Norden destabilisiert hatte. Sie nannten sich „die Wölfe”.

Aber vor allem war sie gegangen, um herauszufinden was dran war an den Gerüchten, die sich in der stickigen Enge der Slums ausbreiteten wie die Cholera. Die Revolution verlief in Wellen, auf jede Anschlagsserie, auf jede militante Aktion folgte ein Phase der Ruhe. Jetzt hieß es, die Wölfe bereiteten ihre letzte große Offensive gegen das HSSK vor. Es hieß, dieses Mal würden die Mauern dem Sturm nicht standhalten. Solche Gerüchte gab es immer wieder.

Haldors Aufgabe war es, herauszufinden, ob es sich dabei um die ewigen Utopien der Unterdrückten oder um konkrete paramilitärische Pläne mit der Aussicht auf Erfolg handelte.

Unwillkürlich zerknüllte er das Bild des Mannes. Das Knäuel hielt er fest in seiner geschlossenen Faust.

Einen Gegner, der nicht mit militärischen Mitteln bekämpft werden konnte, weil er über die Jahre in die Zivilgesellschaft eingesickert war und diese metastasiert hatte, musste anders bekämpft werden. Das HSSK musste ihn aushöhlen, den verschworenen Kreis der Partisanen von innen heraus sprengen, die tragenden Säulen des Widerstandes einreißen, seine Ikonen demaskieren und der Bevölkerung ihr wahres Gesichts zeigen. Das Gesicht von Mördern, Dieben und Volksverrätern. Die Hammaburg durfte niemals fallen und solange er diese Grenze bewachte, würde das nie geschehen.

Der Kampf gegen den Terror braucht Zeit, duldsame Bürger und unsichtbare Helden im Untergrund, die kaum von denjenigen zu unterscheiden sind, die sie jagen.

Sie lebte noch, er konnte es spüren.

Hardcover, 14,8x21 cm, 148 Seiten
978-3-939811-11-4

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Erscheinungsmonat: 21. November 2017

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